Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Zu Richard Beer-Hofmanns siebzigsten Geburtstag
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ersten drei Strophen beginnen mit dem gemurmelten „Schlaf mein Kind“, die letzte hat statt dieses einschläfernden, stimmsenkenden Wunsches die fast aufweckende Frage: „Schläfst du, Mirjam?“ Die Anrede in den ersten Strophen ist durch das besitzanzeigende Fürwort und das allgemeine Gattungswort gekennzeichnet, sie heißt immer „mein Kind“, in der letzten fehlt das Fürwort, und statt des allgemeinen Wortes „Kind“ steht der eine, bestimmte, jüdische Namen „Mirjam“. Und dann folgt die Verschmelzung beider Anreden wie zur Verbindung und Aufhellung des Persönlichen mit dem Allgemeinen, der Skepsis und der Rettung, der Verzweiflung und Erhebung in „Mirjam, mein Kind.“ Und nun ist diese letzte Strophe allerdings ganz und gar reine Musik und jüdische wie menschheitliche, hymnisch mystische Programm-Musik, und die entscheidenden Zeilen, es sind in jeder Strophe die fünfte und sechste, an dem Schluß der fünften steht immer das entscheidende Wort, das immer in den allgemeinsten Reim der deutschen Sprache ausklingt: Schein, allein, — diese Zeilen stellen im Schlußakkord alle Skepsis aufjubelnd in Frage und gründen ein neues, unmittelbarstes, persönlichstes und darum vielleicht jüdischstes „Seid umschlungen, Millionen“: Schläfst du, Mirjam? — Mirjam, mein Kind, Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt Blut von Gewesenen — zu Kommenden rollt*s, Blut unsrer Väter, voll Unruh und Stolz. 242