Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Zu Richard Beer-Hofmanns siebzigsten Geburtstag
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118960--7693-3119223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
in die Welt ein- und unter gehen wird, geht dem Mirjamsänger die Welt auf, die Welt der Gesamtheit: „In uns sind Alle.“ Das Kernwort in Beer-Hofmanns erster Strophe ist „Schein“, und mit dem Reim eben darauf „sind soviel Sonnen noch dein.“ Die zweite Strophe vertieft dies skeptische Gefühl zur herberen, skeptischeren Konstatierung des unabänderlichen, alles Gefühl überflutenden Faktums „allein“ und erhärtet es mit dem Reim eben darauf: „Keiner kann keinem Gefährte hier sein.“ Die dritte Strophe wendet die allgemeine Gültigkeit des Faktums und bezieht es zur abgründigen Trostlosigkeit zurück auf das Persönlichste des Dichters: „Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein,“ und mündet konsequent in die Verzweiflung nicht nur am Leben, sondern an der Unsterblichkeit: „Keiner kann keinem ein Erbe hier sein.“ Diese drei Strophen entwickeln also eine allgemeine Wahrnehmung unter wechselnden lyrischen Reflexen folgerichtig vom ungefähren, unpersönlichen Gefühl über den harten Tatsachensinn zum persönlichen Schmerz in eine solche Höhe der Melancholie empor, daß keine Steigerung, daß nur mehr eine Peripetie möglich wird. Diese aber erfolgt in der vierten und letzten Strophe scheinbar abrupt und ohne Übergang; das Zwischenglied, das die Umkehrung des Sinns der ersten Strophen in der letzten erklärt, fehlt einfach. Es fehlt nicht, um einen Überraschungseffekt ä la Heine zu erzielen, sondern . . . In einem Brief an Beer-Hofmann über 240