Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Zu Richard Beer-Hofmanns siebzigsten Geburtstag
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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den kann. Es ist so wenig jüdisch, daß es für einen so feinnervigen Hörer und Nachempfinder wie Hermann Bahr „das schönste, das seit „Über allen Gipfeln“ den Deutschen geschenkt worden ist,“ hat werden können. Obwohl diese Betrachtung länger ist als das Gedicht, gebührt ihm eine eingehende Untersuchung. Beer-Hofmann hat nur zwei Gedichte geschrieben, also weniger als selbst der unlyrischste aller Zeitgenossen Bernard Shaw, und während das andere, „Altern“, das Fazit des frühen Dichters und seines imaginären dichterischen Vorlebens zieht, enthält dieses den ganzen Beer-Hofmann. Und Hermann Bahrs Vergleich mit Goethes Nachtlied ist nicht zufällig. Beide Gedichte sind Nachtlieder, und der Raum zwischen ihnen entspricht keineswegs der Hundertzahl von Jahren, die zwischen ihrer Entstehung liegt. Nicht einmal die Entwicklung des Ausdrucksvermögens seit Goethe ist am Schlaflied für Mirjam abzulesen. Wie des Wanderers Nachtlied hält es sich an keine stehende Form, die Verszeilen variieren, sogar die innerhalb der Gedichte gegebenen Silbenmengen, und der Rhythmus steigt und fällt von Schwere zur Leichtigkeit nur nach dem Sinnwert der Worte. Aber während Goethes Lied nur Stimmung und resignierten Trostschluß und immer reine Empfindung gibt, erhebt sich Beer-Hofmann aus der viel tieferen, weil nicht nur empfindungsmäßigen, sondern auch gedanklichen Resignation zur Positivität, und während der Wanderer „balde“ 239