Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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zurückgetreten. Jüdische Geschichte fängt oft erst an, wo das geschriebene Recht, die Statuten und Gesetze aufhören. Die rechtshistorische Konstruktion über das Kammerknechtsverhältnis z. B. sagt noch nichts über den Sachverhalt Kammerknecht im sozialen Leben und über den Wandel dieses Sachverhalts bei gleichbleibender Bezeichnung aus. Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, über die Kisch übrigens mitberichtet, ist noch bei Graetz nach dem damaligen allgemeinen Wissenschaftsstand so gut wie ganz beiseite geblieben. Auch die sogenannte ,»soziologische“ Betrachtungsweise von Dubnow ist nichts anderes als die Geschichtsauffassung des historischen Materialismus, der mit den Problemen der modernen Wirtschaftsgeschichte nichts zu tun hat. Sombarts Hauptthese über den jüdischen Anteil an der Entstehung des Kapitalismus ist heute allgemein aufgegeben.48) Die große europäische Wirtschaftsumgestaltung, der sog. „Frühkapitalismus“ ist ohne wesentlichen direkten oder indirekten Anteil der Juden vom 13.—16. Jahrhundert vor sich gegangen.49) Sie ist durch 48) Ludwig Feuchtwanger, Die Juden und das Wirtschaftsleben, 1911 (Schmollers Jahrbuch Jg. 35, S. 1433 bis 1466); vom gleichen Verfasser: Analyse und Kritik des Werkes von Moses Hoffmann, Der Geldhandel der deutschen Juden während des MA bis zum Jahr 1350, in Schmollers Jahrbuch Jg. 35, S. 2070 ff. 49) Jakob Strieder, Werden und Wachsen des europäischen Friihkapitalismus in Bd. IV der Propyläen- Weltgeschichte (1932). Auch Julius Schultz (Anm.32) sieht in das Innere der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandlungen seit etwa 1100. 124