Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 28)
- Language
- German
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die Szenen der Miniaturen in Geste und Haltung der abgebildeten Figuren nicht die Juden in Palästina zur Zeit Christi Wiedergaben, sondern die Juden im MA, wie sie sich im Kopfe des Zeichners, also der Umwelt, malten. ,,Die Armenbibel bedeutete dem Menschen der Spätgotik sinnvolle Ordnung der biblischen Historie, eine Ordnung, die ihm die Predigten der wandernden Mönche bestätigten und die er auf den Glasfenstern und Wänden der Kirchen gemalt fand/4 46) Es ist denkbar, daß die Triebkräfte und der Geist des MA in der jüdischen Geschichtsschreibung künftig bei Neubegehung der angedeuteten 46) Deissmann-Wegener (Anm. 45) S. 12. Vgl. auch die „Zusammenfassung“ bei Adolf Leschnitzer, Das Judentum im Weltbild des Mittelalters, Berlin 1935; Seite 24 f. Für frühere Jahrhunderte sind zur Klärung über die im Text erörterte „Ausstrahlung der jüdischen Daseinsweise“ in Verbindung mit dem streng gefaßten Begriff des „Anachronismus“ die Menschendarstellungen des Lettners im Naumburger Dom (um 1250—60) gute Beispiele. Die Drastik volksverstündlicher Vorgänge in den Evangeliengeschichten führt bei diesen Reliefs unmittelbar heran an die ungezähmte Wildheit und Derbheit des zeitgenössischen Lebens. Die Darstellung des „Judas-Lohnes“ etwa ist nicht eine Szene aus dem Evangelium, sondern sie ist in der Tat in irdisches, zeitgenössisches Geschehen umgesetzt: Es ist die vom Künstler dem Leben abgelauschte Gewohnheit des Geldwechslers, der bloßgelegten Habgier, des antippenden, mauschelnden Dazwischenredens, voll Heimlichkeit und Getuschel; so wird die Wirkung der damaligen Judenschaft auf die Umwelt repräsentativ dargestellt ein beredteres Zeugnis als viele Urkunden- und Rechtsbücher der Zeit. Einen einführenden Anschauungsunterricht zur Vermeidung neuzeitlicher nachemanzipatorischer Anachronismen, die bei Graetz und Dubnow so stören, bietet der fast unbekannt gebliebene Bilderatlas „Scheltbriefe und Schandbilder — Ein Rechtsbehelf aus dem 15. u. 16. Jahrhundert“, gesammelt u. erläutert von Otto Hupp, München-Regensburg 1930. 122