Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 19)
- Language
- German
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Denkformen und Geschichtsvorstellungen der Vergangenheit und der einzelnen Quellen vernachlässigt zu haben, ist der Vorwurf, den die Darstellungen von Graetz und Dubnow trifft, so imponierend bei dem einen die Bloßlegung entlegenster Urkunden und Literaturdenkmäler in den Exkursen und so energisch bei dem anderen die einheitliche („monistische“) Zusammenfassung einer ungeheuren Literatur aus allen Himmelsrichtungen und deren Verwendung ist. Beide dringen viel zu wenig in die Lebensbedingungen der Umwelt ein. Der Geist des christlichen Mittelalters und des Islams ist beiden Geschichtsschreibern verschlossen, und es ist bei ihnen keine Ahnung von differenzierten Denkformen verschiedener Kulturkreise oder gar vom Wesen des mittelalterlichen katholischen Abendlands und von den Geschichtsvorstellungen der jüdischen Quellen im Mittelalter zu verspüren. Bei glühender, irrationaler Liebe zum jüdischen Volk hinterlassen Graetz und Dubnow den Eindruck platter Rationalisten, ohne Sinn für die Geistesverfassung der unzähligen „Wirtsvölker“, die sie beurteilen. Die Geschichtsforschung über die Juden im MA wird künftig auch nicht umhin können noch mehr als bisher dem Theater des MA und der bildenden Kunst stofflich und durch genaue Beobachtung des Ausdruckswillens, der in den Spielen und steinernen Figuren deutlich zum Ausdruck kommt, die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Im MA wählt nicht der Künstler wie im 19. Jahrhundert sein Thema 8 113