Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118954--7559-3119095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
oder von Juden handelt, jenseits ihres historischen Wahrheitsgehaltes? Sicher: „An den Wurzeln unannehmbarer Traditionen und Legenden liegen oft wertvolle U eberlief erungen und wirkliche Tatsachen.“33) Aber gerade der jüdische Geschichtsschreiber muß außer für wirkliche Tatsachen auch für Spiegelungen in fremden Köpfen, für Illusionen und Hoffnungen von Geschlechtern aufgeschlossen sein. Diese mittelalterlichen Martyrologien, Trauergesänge, Viten, Chroniken, Sendschreiben, Responsen, Memorbücher sind kaum noch weiter ergiebig zu machen nach der ziemlich monotonen Tatsachenseite, aber sie müssen — von welcher Seite sie kommen mögen — aus ihrem eigenen Geist, als Aeußerungen des Zeitgeistes bewertet werden. Mittellateinische, hebräische, arabische Quellen nur nach Herkunft, Stoff, nach den Entstehungsumständen und nach der Zuverlässigkeit des Berichteten, vielleicht im Einzelfall nach ihrer Form, zu befragen, genügt zu ihrer Verwendung für jüdische Geschichte nicht. Ihre „Vorurteile“ sind so wichtig wie ihre gesicherten Urteile; ihr Geschichtsdenken, ihr Aberglauben, ihre politischen und religiösen Ideale sind ihrerseits geschichtswirksam geworden, manchmal in höherem Maße als die Ereignisse, Erfolge und Mißerfolge, von denen sie erzählen.34) 33) Adolf v. Hamack, Ueber die «Sicherheit und die Grenzen geschichtlicher Erkenntnis, München 1917, Seite 18. 34) Vgl. auch die Aufsätze von Elbogen, Rabin, Steinberg in der Dubnow-Festschrift (Anm. 12). 112