Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
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seitige „Gerechtigkeit“ von Christen und Juden ist nach der göttlichen Ordnung abgestufter Rechte und Ränge etwas anderes als die Gleichberechtigung in der modernen Wirtschaftsgesellschaft; eine solche Gleichheit liegt gar nicht in den mittelalterlichen Denkmöglichkeiten. Gerade jüdische Forscher sind für die Einsicht disponiert, was es heißt, daß die letzte geistige Triebkraft dieser Jahrhunderte der „Glauben“ war, und zwar nicht ein Glauben als religiöses Bekenntnis oder Frömmigkeit in unserem Sinn. Sondern die Zeit war eine Zeit des Glaubens, weil die Menschen nicht an sich selbst und an die Macht menschlicher Anstrengung glaubten, sondern an eine höhere Macht außerhalb von Geschichte und Natur. Christoph Dawson hat in seinem Werk „The making of Europe“ 18) für das Mittelalter eindringlich Zeitgerechtigkeit der Darstellung gefordert: „Diem hominis non desideravi — nach dem Tag des Menschen trag’ ich kein Verlangen —, das ist die wesentlichste Ueberzeugung dieses Zeitalters, und sie ist für den modernen Geschichtsschreiber deshalb so schwer zu begreifen, weil er die ganze Geschichte sub specie humanitatis betrachtet und bewertet; denn der „Tag des Menschen“ ist gerade die einzige Sache, die ihm der Verehrung eines vernünftigen Mannes wert erscheint.“ Die Rolle des Juden ist für das christliche im Mittelalter uneingeschränkt 18) Deutsch u. d. Titel: Die Gestaltung des Abendlands (Eine Einführung in die Geschichte der abendländischen Einheit), Leipzig 1935; vgl. S. 13 f. 102