Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 36)
- Language
- German
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gierden Werkmeister der Welt sieht. Und von jenem optimistischen Fortschrittsglauben, der in flachen Materialismus entartete, unterscheidet sich Spinoza durch seine Auffassung vom Glück, das er nicht in irdischen Gütern, sondern in der Gotteserkenntnis selber sucht. Zu dieser Glückseligkeit führten seiner Meinung nach die jüdischen Zere^ monial-Gesetze nicht, da sie nur um des staatlichen Zusammenhalts Willen gegeben worden wären. Im Überwinden der Leidenschaften solle der Mensch Gott nacheifern, jenem höchsten Wesen, das mit menschlichen Maßen nicht zu messen sei. „Wer Gott liebt, kann nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebt!“ Hier führt die mathematische Abstraktion Spinoza in die Gemeinschaft der Frommen zurück, von denen im Talmud geschrieben steht: „Gleicht nicht den Knechten, die ihrem Herren aus Lohnsucht dienen; sondern gleicht denen, die ohne Rücksicht auf Lohn treue Dienste leisten!“ Kennerschaft des Hebräischen hatte dem Denker Spinoza seine Bibelkritik ermöglicht, die bei Juden und Christen Anstoß erregte. Aber seine religiöse Philosophie hätte sich nie ausbreiten können, hätte sein Leben nicht im vorbildlichen Einklang mit seiner Lehre bestanden. Die menschliche Ausstrahlung dieser Einheit hatte seine Freunde, die seinem kühnen Gedankenflug oft nicht folgen konnten, zu wahrhaften Jüngern gemacht. Man ist versucht, Jakob Böhme, den geistesverwandten Schuster, und Spinoza, den Linsenschleifer, nebeneinander in einem Bilde zu betraeh- 82