Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 37)
- Language
- German
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ten. Aber der deutsche Mystiker übte seinen Beruf schon aus, als die theosophische Schau ihn überkam. Spinoza wählte den seinen, um ein bedürfnisloses, von Begierden freies Dasein führen zu können. Er folgte dem Worte des Rabbi Gamaliel: ,,Es ist löblich, die Wissenschaft mit einem Broterwerb zu verbinden,“ und stellte sich in die Reihe der alten Talmudweisen, deren Namen noch heute von ihren handwerklichen Beschäftigungen zeugen. In seiner ,,Abhandlung von der Läuterung des Verstandes“, diesem frühen Vorläufer von Kants „Kritik der reinen Vernunft“, spricht Spinoza von den mechanischen Geräten: „Um Eisen zu schmieden, braucht man einen Hammer. Um aber einen Hammer zu haben, muß er vorher gemacht werden, wozu wiederum ein anderer Hammer und andere Werkzeuge nötig sind, die man ebenfalls erst durch andere Werkzeuge erhalten kann, und so ins Unendliche. Würde nun aber jemand auf diese Weise zu beweisen versuchen, die Menschen hätten keine Macht, Eisen zu schmieden?“ Spinoza verarbeitet eine Anregung aus der Mischna, um die Berechtigung nachzuweisen, die Mittel der Erkenntnis zu verbessern. Spinoza, der optische Gläser schliff, handelte unter dem Gesetz seines Lebens, das zwischen Lehren und Tun keinen Unterschied machte. Gleichnishaft mündet jüdische Tradition in die neue Zeit, deren Kommen Spinoza als Denker und als Handwerker beschleunigt. 6* 83