Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 30)
- Language
- German
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und jener nicht: die ganze Erscheinung Spinoza steht in einem Zwielicht aus Judentum und der ihn umgebenden Welt. Ein Widerspruch scheint zu liegen zwischen Spinozas Trotz gegen den jüdischen Bann und seiner Vorsicht der niederländischen Obrigkeit gegenüber. Aber dieser Widerspruch ist nur scheinbar: die jüdische Gemeinde hinderte ihn in der Freiheit des Denkens und er war um so weniger gewillt, seinem Lernen eine Grenze setzen zu lassen, als er die staatsbildenden Absichten der mosaischen Gesetzgebung nach dem Untergang des jüdischen Staates für überholt erachtete und noch jener Propheten-Geist ihm innewohnte, der sich von seinem Volke nicht Schweigen gebieten lassen konnte. Wenn er aber „invita patria“, d. h. wenn sein (niederländisches) Vaterland dagegen wäre, nichts veröffentlichen wollte, so geschah es einmal aus einem Gefühl von Solidarität heraus: Spinoza ist durchaus ein resentiment-loses Verhalten zuzutrauen, daß er seinen Glaubensgenossen in den Augen des holländischen Volkes nicht schaden wollte. Zum anderen wollte Spinoza sein Lehrgebäude, durch das er den Nachweis zu erbringen versuchte, daß im philosophischen Denken keine Argumente der Theologie am Platze wären, zum Wohle des Staates ungestört zu Ende führen. Endlich lebte in dem guten Republikaner Spinoza noch die jüdische Vorstellung einer Theokratie, wenn er den weltlichen Behörden gehorchte: mit einem Jan de Witt fühlte er sich einig, dem Geist, der nach 76