Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 29)
- Language
- German
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idealistisch hält, erklärte sich die Ausnahme Spinozas damit, daß dieser ,,kein Europäer“ wäre. Beide Zeitgenossen treffen etwas Richtiges: den jüdischen Charakter von Spinozas Philosophie. Allerdings kann man es nicht als Klage bezeichnen, wenn Spinoza die „Häßlichkeit, die Ekel erregt“, die „Fäulnis der Dinge bis zum Gestank“, diese einzelnen Erscheinungen der Gottnatur erwähnt, da er in ihrem Ganzen die Offenbarung des Ewig- Ureinen bejaht. (Grade das macht nach Hegel Spinozas „Morgenländische Anschauung“ aus.) Und wenn Spinozas Weltbild insofern nicht „idealistisch“ ist, daß er die menschlichen Leidenschaften nicht als Gebrechen, sondern als Eigenschaften ansieht und erkannte, daß die Macht, sich der Vernunft zu bedienen, nicht jedem Menschen gegeben sei, bleibt er in der jüdischen Glaubensvorstellung, daß das Gute wie das Böse von Gott komme. Spinoza, der Jude, der in den Niederlanden lebte und in lateinischer Sprache schrieb, teilte solche „Internationalität“ mit manchen seiner Zeitgenossen. Aber in Spinozas Zeitgesicht ist der jüdische Zug auf das stärkste ausgeprägt. Es lassen sich Paralellen ziehen zwischen Spinozas und Rembrandts untheologischem Verhältnis zur Bibel, zwischen dem Bann der Rabbinen und dem im gleichen Jahre erfolgten Verbot der calvinischen Niederlande, die Lehren des Descartes zu verbreiten, zwischen Spinozas Talmud-Schule und Descartes Jesuiten-Colleg, nur daß dieser auf die Vergangenheit seiner Jugend stets Rücksicht nahm 75