Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 27)
- Language
- German
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schweigen er sich verpflichtet hatte. Das Ausweichen nützte ihm nichts, unter der Aufsicht der Inquisitions-Behörden verbrachte und schrieb er den Rest seines Lebens. Der ihm beim Verhör der Inquisition zugelegte Ausspruch „Und sie bewegt sich doch!“ ist wohl nur eine Legende. Er paßt viel eher in den Mund des historischen Giordano Bruno, der nicht nur vor Spinoza schon zu der Erkenntnis gelangt war, daß „nur im Glauben der Einsichtslosen Gott und Natur einen Gegensatz bildeten“, sondern auch im Lebensrhythmus eine starke Ähnlichkeit mit der Entwicklung Spinozas aufwies. Wie der junge Spinoza in der Schule „Baum des Lebens“ war der im Neapolitanischen zur Welt gekommene, fünfzehnjährig ins Kloster gesteckte Bruno von den Dominikanern der Freigeisterei verdächtigt worden. Er entfloh dem Orden und führte ein Wanderleben, das freilich mehr an den unruhigen x4hasverus Del Medigo erinnert als an Spinoza: er lebte und lehrte erst in Norditalien, dann in Genf, das er wegen Zwistigkeiten mit den Calvinisten verlassen mußte, in Toulouse, wo er den philosophischen Doktor-Grad erwarb, in Paris und in Oxford, in Hamlets Wittenberg und in Marburg, in Frankfurt am Main und in Prag. Wie Spinozas mystische Erkenntnis-Glut unter dem Eindruck von Descartes’ mathematischem Genie in die „geometrische Art“, eine Form, welche die Scholastik schon kannte und die das Überholte an Spinozas Werk ist, gedrängt wurde, so erregte die copernikanische 73