Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Sinne gehabt haben mochte. Wenn er diese Zweifel auch in einer Gegenschrift „Löwengebrüll“ zu beschwichtigen gedachte, so mußte er doch gefühlt haben, daß die Stimme des Zweifels in ihm mächtiger gewesen war als deren Widerlegung. Darum hatte er es vorgezogen, — beide Schriften nicht zu veröffentlichen. Ein Mann vom Typus des del Medigo konnte er heute gegen seine eigene Spielleidenschaft schreiben und morgen das Kartenspiel aus dem Talmud rechtfertigen. Er verschwieg nicht nur seine eigenen Meinungen in Venedig, sondern er verhängte auch über Uriel da Costa, den Kämpfer aus Gesinnung, nachdem er ihn vergeblich zum Widerruf aufgefordert hatte, den Bann, der die Formel enthielt: „Das bringt Frieden über Israel!“ Da Costa führte seinen Kampf auf theologischer Ebene weiter und geriet wegen seiner Ableugnung der Unsterblichkeit der Seele, des Glaubens an ein Jenseits, der Auferstehung der Toten und der messianischen Verheißung in Widerspruch mit seiner Gemeinde, schließlich stritt er sogar die Verbindlichkeit des Dekalogs als nicht von Gott geoffenbart ab. Aber er kämpfte längst keinen theologischen Kampf mehr, in dem es um Recht oder Unrecht ging. Der Schwerpunkt hatte sich nach dem Sozialen, nach der Frage: der Einzelne oder die Gemeinschaft verlagert. Es war eine Frage der Einordnung geworden. Nicht zufällig sprach Uriel da Costa wieder von Pharisäern und Sadduzäern, hinter deren weltanschaulichen Gegensätzen auch jener von Parteien gestanden hatte, von Tribunen 68