Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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der, beredete auch Mutter und Brüder zur Flucht und trat mit ihnen in Amsterdam zum Glauben seiner Väter über. Uriel, wie er sich jetzt nannte, traf in Amsterdam nicht auf das biblische Judentum, sondern auf das rabbinische, das auf Mischna und Gemara seine Autorität stützte. Diese Autorität, die in Amsterdam ein junges Gemeinwesen zusammenzuhalten als ihre heiligste Aufgabe betrachtete, beruhte auf einer Kontinuität der Tradition. Für die maranischen Neu-Juden aber war diese Tradition unterbrochen worden. Die jüdische Masse war bereit, vieles über Bord zu werfen, um sich unterzuordnen, aber Uriel da Costa, der Heimat, Reichtum und eine ihn bergende und ehrende Kirche aus freier Wahl auf gegeben hatte, um ins Judentum zurückzukehren, fühlte in sich den Drang, einen Berg abzutragen, der ihm die unverfälschte Lehre des Mose, wie er sie lieben gelernt hatte, zu erdrücken schien. Es ging ihm nicht um ein sorgenfreies Leben, seine kaufmännischen Unternehmungen gediehen. Aus religiösem Müssen schrieb er von Hamburg aus, wo die Familie an der Gründung der Bank von Hamburg beteiligt war, in portugiesischer Sprache seine „Thesen wider die Tradition“. Er konnte damals nicht wissen, ein wie richtiger Instinkt ihn in der Wahl des Bestimmungsortes geleitet hatte: der Rabbiner Leon da Modena, dem seine Arbeit zur Entscheidung vorgelegt wurde, war den gleichen Zweifeln anheim gegeben wie Uriel, den er bei der Abfassung seiner Schrift „Stimme eines Toren“ im 5* 67