Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 20)
- Language
- German
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wurde, so beginnt der auf dämmernde Tag der Neuzeit sich von der Nacht des Mittelalters abzuheben. * * * Spinozas Schicksalsgenosse Uriel da Costa, der in Portugal noch Gabriel da Costa hieß, wuchs in einer Maranen-Familie auf, in der jüdische Tradition schon vergessen war. In Gabriel, der von den Jesuiten in ihren geistlichen Exerzitien, aber auch in allen weltlichen Künsten unterwiesen worden war, regte sich nichts von einem „Protestantismus“, dessen leidenschaftlichste Bekämpfer seine Lehrer waren. Fünfundzwanzigjährig hatte er seine Rechtsstudien abgeschlossen, war er Kanonikus einer Kirche in Oporto. Da ward der Katholik da Costa von der Bangnis um das Seelenheil gepeinigt, das keine Frage jüdischer Existenz war. Und der Renaissance-Geist war sogar in Spanien mächtig genug, daß da Costa nicht nur beichtete und büßte, sondern auch fragte und forschte. Er suchte bei den Kirchenvätern, bei den Scholastikern und Reformatoren die Beantwortung der Frage, warum der Mensch sündhaft wäre von Anfang an, und der theologisch bedeutendste protestantische Gegenspieler der Gegenreformation, Calvin, tat ihm Bescheid, daß es zwar kein Seelenheil gäbe ohne Jesus Christus, daß aber die guten Werke nicht angerechnet würden und allein die Gnade Gottes entschiede. Nur im Alten Testament begegnete er einem Leben ohne Erbsünde, Menschen mit Willensfreiheit. Er entdeckte unter einer Schicht von Christentum und Humanismus sein Judentum wie- 66