Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
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den können. Wenn Saadja eine Bibelauslegung lehrte, die darauf bedacht war, die jüdischen Glaubenssätze mit der Vernunft in Einklang zu bringen, so war solches Streben durchaus im Sinne von Spinozas Denken. Aber hatte nicht Saadja selbst den Blick dafür geöffnet, zwischen sittlichen Vernunftgeboten und Offenbarungsgeboten zu unterscheiden, wenn er von den ersteren erklärte, für sie hätte es keiner Offenbarung am Sinai bedurft? Wenn wir uns vorstellen, daß Saadja mit solcher Anschauung gerade die Untrennbarkeit von religiöser Form und religiösem Gehalt nachzuweisen bestrebt war und welch andere Schlüsse Spinoza aus solchen Gedankengängen gezogen hatte, so ist damit Beginn und Ende eines jüdischen Zeitalters deutlich abgesteckt. Die Zwischenglieder in der Kette der Entwicklung, die Anfang und Schluß dieses Zeitalters verbanden, rissen nicht ab. Wenn Abraham ibn Esra, der berühmte Bibel-Kommentator im Spanien des 12. Jahrhunderts, bereits zu Folgerungen über den verschiedenen Ursprung von einzelnen Teilen der Bibel gelangt war, so war Spinoza nur radikaler, wenn er die Verfasserschaft des Mose für den Pentateuch abstritt und behauptete, daß die Redaktoren der Bibel auf mehrere Quellen zurückgingen. Chasdai Crescas, dessen Wirken im wesentlichen das 14. Jahrhundert ausfüllte, lehrte in seinem „Licht Gottes“, worin seine Auffassung von der Willensfreiheit sich auf den Standpunkt Spinozas zu bewegte, der menschliche Wille wäre von Gott 60