Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118952--7504-3119042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Spinoza als ein Fortsetzer jüdischer Tradition fühlen, als einer, der die jüdische Religionsphilosophie des spanischen Mittelalters weiterdachte und ihr den Schlußstein anfügte? Und doch hatte nicht das Judentum, das ihn verwarf, sondern europäisches Denken, die Deutschen Lessing, Herder und Goethe zumal, ihn als Grundstein eines neuen religiösen Lehrgebäudes benutzt. Es ist wohl kein Zufall, daß die rationalistische Richtung im Judentum stets neuen Antrieb erhielt, wenn eine starke Berührung mit der Umwelt stattgefunden hatte, während mystischer Drang mehr in der Enge, hinter den Mauern des Ghettos wie des Klosters, mächtig war. Spinoza, dessen mystische Spekulationen sich rationalistischer Mittel bedienten, stellte eine gewisse Verbindung zwischen zwei Lebensformen dar. Gaon Saadja, der Vorsteher der Talmud-Akademie im babylonischen Sura, der im 10. Jahrhundert lebte, hatte die Frage nach dem Glauben und Wissen, die Kernproblem der europäischen Renaissance werden sollte, gestellt, und der „Läuterung des Verstandes“ galt eine der unvollendeten Abhandlungen Spinozas. Daß Saadja Begründer der hebräischen Sprachwissenschaft war und Spinoza einen fragmentarischen Abriß der hebräischen Sprachlehre hinterlassen hatte, daß dieser die Bibel ins Arabische übersetzt und jener eine holländische Bibelübersetzung begonnen hatte, sind Übereinstimmungen, die dartun, wie leicht Spinozas Werk in den Strom jüdischer Entwicklung hätte einmün- 59