Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Spinoza, ein Jude im Europa des 17. Jahrhunderts
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118952--7503-3119041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mente der Evangelisten und Kirchenväter gegen Talmud und Kabbala ins Feld zu führen, und man befürchtete von solchem Unterricht keinerlei Gefährdung des Glaubens für die der Schule anvertrauten Zöglinge. In der Tat war für Spinoza das Beispiel des Sonderlings Pietersz, den wegen seiner Schrift über die letzten Gottesgedanken der Bannstrahl des reformierten Konsistoriums traf, kaum eine entscheidende Anregung für seinen künftigen Weg gewesen. Wäre er ein Dichter geworden, so wäre es vielleicht nie zu dem tragischen Zusammenstoß mit seiner Glaubensgemeinschaft gekommen. Noch weniger hätte er sein Schicksal erlitten, wenn seine denkerischen Impulse von seinen bildnerischen übertroffen worden wärem Spinoza hatte einige seiner Freunde gezeichnet und sich selbst einmal als Masaniello dargestellt, in dem Helden der Oper ,,Die Stumme von Portici“, dem neapolitanischen Vorkämpfer gegen die spanische Fremdherrschaft, seinen eigenen Kampf um religiöse Duldsamkeit und politische Freiheit symbolisiert. Aber auch Spinozas politisch-aktivistischen Kräfte wurden von seinem denkerischen Streben aufgewogen. Innerlich bereitete das Denken Spinoza keinen Zwiespalt. Das Judentum unterscheidet ja nicht zwischen Laien und Priestern, sondern zwischen dem unwissenden Amhaarez und dem wissenden Chacham. Die Chachamim betrachteten sich als Bewahrer der Tradition jüdischen Geistes; aber konnte sich nicht auch der lernende, der denkende 58