Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Adolphe Crémieux
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Eigenschaften, die man selten in einem Menschen harmonisch verbunden findet: einen scharfen, beweglichen, anmutigen Geist und ein edles, für alles Gute empfängliches, mitfühlendes Herz, ln einem echt jüdischen Hause erzogen, hatte er die Bibel vor jeder anderen Literatur kennengelernt. Ein glänzender Dialektiker und tüchtiger Jurist, wußte er zugleich durch Einstreuung von Anekdoten und Reminiszenzen im Plauderton allmählich zum Kern der Sache hinzuleiten, um dann mit allen Mitteln der Beredsamkeit auf den Hörer einzustürmen. Der junge Anwalt aus der Provinz hatte zuerst durch folgenden Vorfall im ganzen Lande von sich reden gemacht: Auf einer Fahrt nach Paris klagte ihm, als sie auf einer kleinen Station Umstiegen, ein Reisegefährte, er müsse an diesem Orte zu einem Gerichtstermin erscheinen. Sein Rechtsfreund glaube aber nicht an den Erfolg seiner Sache. Kurz entschlossen sagte Cremieux: ,,Ich habe hier zwei Stunden Aufenthalt. Bringen Sie mir die Akten und ich will mein Glück versuchen.** Ein flüchtiger Blick in die Akten genügte. Er begleitete seinen Klienten zu Gericht und gewann ihm den Prozeß. Ein anderes Mal sollte Cremieux für eine Dorfgemeinde einen Prozeß gegen ihren Pfarrer führen, der ihr ein Weihbecken geschenkt, aber nach einem Zerwürfnis mit der Gemeinde es wieder zurückgenommen hatte. Cremieux riet der Ge- *56