Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Adolphe Crémieux
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111124-3118691--7343-3118875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vor dem Kaiser in den Tuilerien erscheinen durfte. Er widmete sich der Advokatur und trat mit 21 Jahren in das Barreau seiner Vaterstadt ein. Von seinem ersten Verdienst begann er eine Schuld seines Vaters abzuzahlen, der infolge der Revolutionswirren sein Vermögen eingebüßt hatte. Die Gläubiger wollten, da sie das Geld längst verloren gegeben hatten, darauf verzichten. Doch Cremieux zahlte das Kapital und die Zinsen der mehr als dreißigjährigen Schuld ab, um vom Namen seines Vaters diesen Makel zu nehmen. In Frankreich herrschte damals die Reaktion. Unter anderem bestand noch der Eid more ju~ daico. Das bedeutete, daß man den Juden weniger Glauben als den anderen Staatsbürgern schenkte. Im Falle einer Eidesleistung hatte diese in der Synagoge in Gegenwart eines Rabbiners auf eine Thorarolle zu erfolgen. Gegen diese Schmach erhob sich im Jahre 1827 an zwei verschiedenen Punkten Frankreichs ein offener Protest. Der Großrabbiner von Metz verbot in einem solchen Falle, in dem ein Jude einen Eid more judaico hätte leisten sollen, die Vornahme dieser Handlung im Gotteshause, wozu er kraft seines Amtes befugt war. Ein ähnlicher Zwischenfall ereignete sich fast gleichzeitig im Wohnorte Cremieux'. Hier bot sich ihm nun zum ersten Male ein Anlaß, zugunsten seiner Glaubensgemeinschaft öffentlich aufzutreten. Er war wie von der Natur eigens dazu geschaffen. Vereinigte er doch in sich 155