Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111124-3118688--7222-3118757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Burschuis“ getötet und ruiniert worden sind, wird dabei selbstverständlich nicht in Rechnung gezogen werden. Und es wird von dem Ausgang der Revolution abhängen, was nach ihrem Ablauf aus den Juden werden wird. Wenn es zur Wiedereinführung eines kapitalistischen Systems kommt, werden diejenigen, die noch übrig sind, von dem damit verbundenen Nationalismus ebenso schwer zu leiden haben wie in den übrigen Ländern des größeren Balkan; wenn aber, was ich für möglich halte, sich eine Form des Staats und der Wirtschaft ausbildet, die weder kapitalistisch noch kommunistisch ist, dann wird mit dem Nationalismus auch der Antisemitismus in seiner besonders gefährlichen Form einschrumpfen, vielleicht ganz verschwinden, und übrig bleiben wird nur jener unausrottbare urtümliche Gruppenwiderwille. Inzwischen aber wird die Angleichung der russischen Juden an ihre Umgebung in Sprache, Sitte und Haltung große Fortschritte gemacht haben, dank dem gewaltsamen Erziehungssystem der Sowjets, das ihre Staatsreligion in die jungen Seelen geradezu einhämmert. Was das übrige Europa anlangt, so werden Nationalismus und Antisemitismus auf dem „Balkan“ so lange bestehen wie der Kapitalismus, und die jüdische Krise wird sich in dem Maße verschlimmern wie die kapitalistische. In West- und Südeuropa ist die Zahl und der Einfluß der Juden so klein, daß wenigstens auf absehbare Zeit 37