Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111124-3118688--7216-3118751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schlechter und unsittlicher. Das ist der Keim alles Gruppenhasses, aber auch aller Rivalität und sehr vieler Fortschritte. Und wir haben heute zu fragen, warum aus diesem Keim gerade heute inbezug auf unsere Gemeinschaft ein so riesenhaftes und gefährliches Wachstum erfolgt ist. Es würde einen Band erfordern, wollte ich das Thema bis in seine letzten Verzweigungen erschöpfen. Ich kann hier kaum mehr als die Hauptursache, wie ich sie sehe, schlagwortartig darstellen und möchte sie zusammenfassen in dem Satze: Diejüdische Krisevonheuteist ein Symptom der Krise des Kapitalismus. Die Judenschaft ist der Sündenbock der europäischen Geschichte. Alle großen Gegensätze der Völker Europas werden vor allem auf ihrem Rücken ausgefochten. Zuerst, im späteren Mittelalter und der beginnenden Neuzeit, beherrschte der Gegensatz der Religionen das Feld, der Kampf zuerst zwischen dem Christentum und dem Islam: die Juden waren es, die zuerst massenhaft dem wilden Glaubenseifer zum Opfer fielen. Dann entzündete sich der Religionskrieg an dem Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten, und wieder hatten die Juden darunter überall schwer zu leiden. Diese Kämpfe erreichten mit den großen Religionskriegen, im wesentlichen mit dem Frieden von Osnabrück und Münster, ihren Abschluß. Seitdem aber spaltet ein neuer, noch gefährlicherer 31