Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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Jude ist weder schlechter noch besser begabt als der Nicht-Jude; seine Konkurrenz ist weder aus dem Grunde besonders gefährlich, weil er geringere sittliche Hemmungen hat, noch aus dem anderen Grunde, mit dem mir einmal vor Jahren der Hauptführer des rumänischen Antisemitismus seine Stellung begründete, daß der Jude wirtschaftlich allzu begabt und daher dem Christen allzu überlegen sei. Der Jude ist durchschnittlich eher ein besserer Bürger, aus dem einfachen Grunde, weil er sich unter ständiger feindlicher Aufsicht fühlt, und wohl auch, weil er sich der Gesamthaftung stark bewußt ist, die seine ganze Gruppe für die Handlung jedes einzelnen verantwortlich macht. Und er ist nicht von Hause aus begabter, sondern nur gezwungen, seine Kräfte ganz anders anzustrengen, um bei dem schweren Handicap, unter dem er läuft, nicht ganz aus dem Rennen zu fallen. Dem Auge des Soziologen stellen sich die Dinge ganz anders dar. Er weiß, daß, solange es eine Menschheit gibt, jede Gruppe jeder anderen mit einem beträchtlichen Mißtrauen, Widerwillen, ja sogar Haß gegenübergestanden hat. Aus dem einfachen Grunde, weil jede Gruppe sich selbst mit ihrem ganzen geistigen und physischen Habitus und vor allem mit dem ganzen Apparat und Kodex ihrer Normen und Imperative in bezug auf Sitte und Sittlichkeit für die vollkommenste existierende hält, hält sie jede andere Gruppe für häßlicher, 30