Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Zur Soziologie der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 85 (sequence 2)
- Language
- German
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- 85 - In der Geschichte des jüdischen Volkes mit ihrem reichen und vielfachen Gestaltung s Wechsel stnd die Frauenbewegungen (die nationalen unter Mirjam und Judith, die religiösen unter Sara und Jephtas Tochter, die kulturellen unter Deborah und Martha, der Schulgründerin) entscheidend für Entwicklung und Erhaltung des Volksganzen und seiner Formungskräfte gewesen. Die moderne jüdische Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland ist in gering e m Maße bestimmt und orientiert durch die Gestaltung der jüdischen Kulturentwicklung. Sie ist vor allem hervorgerufen durch die europäische Frauenbewegung und beeinflußt von den gleichen wirtschaftlichen und geistigen Ursachen. Ihre Eigenart als jüdische Bewegung ist im wesentlichen gebildet von der Wirkung dieser Erscheinungen auf die physische und psychische Konstitution der modernen jüdischen Frauen in Europa; sie äußert sich in der Andersartigkeit der Schattierung, aber nicht in der Fähigkeit eigenartiger schaffender Kräfte; sie erschöpft sich in geistigen Erlebnissen, während die wirtschaftlichen Strömungen von geringem Einfluß bleiben. Die Bewegung läßt drei Abschnitte klar erkennen: Die V o r z e i t, bedingt durch die Emanzipation der Juden (etwa von 1815 bis 1860), dieWerdezeit, entwickelt durch die Industrialisierung (etwa 1850 bis 1915), und die S p 8 t z e i t, verursacht durch die Völkerbewegungen des Weltkrieges (von 1915 ab). Die Emanzipation der Juden gab den jüdischen Männern die Möglichkeit der erweiterten Auswirkung ihrer Arbeitskräfte durch Eröffnung neuer, ihnen vielfach gemäßer Berufe und der erweiterten Auswirkung ihrer sozialen Kräfte durch Zulassung zu den politischen Gemeinschaften. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der jüdischen Männer trat für ihre Frauen und Töchter eine große wirtschaftliche Entlastung ein, so daß, nachdem der Lebenskreis der Ghettogemeinschaften mit ihren reichen Arbeitsgebieten für die Frauen sich allmählich auflöste, die Frauenkräfte im Rahmen der