Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Zur Soziologie der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 86 (sequence 3)
- Language
- German
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vorhandenen und durch Sitte anerkannten Formen keine Betätigungsmöglichkeiten mehr fanden. Frauen, die zuerst die Unfruchtbarkeit ihres neuen Lebens als bedrohlich erkannten, schufen eine Bewegung, die mit den gegebenen Lebensformen brach, und die jüdischen Frauenkräfte den geistig-ästhetischen Vebensäußerungen europäischen Kulturlebens zuführte und ihnen dadurch die Befruchtung ihrer Lebenssphäre ermöglichte. Die Berliner und Wiener „Salons", deren Kultur für das ästhetische und politische Leben jener Zeiten bedeutsam wurde, waren die Lebensformen, die die jüdische Frauenbewegung sich unter Führung der Rahel Varnhagen, Henriette Herz, Dorothea Beit u. a. schuf. Diese Frauen legten ihren Wirkungskreis außerhalb der jüdischen Gemeinschaft und traten bei steigender geistiger Verknüpfung mit den neuen Lebenskreisen aus dem Judentum aus, um sich vollständig den neugeschaffenen Verhältnissen anzupassen. So entstand eine Bewegung, die verkümmernde jüdische Frauenkräfte befreite, um sie der europäischen Kultur nutzbar zu machen, ohne daß eine Erfüllung der eigenen Wesensart sich vollenden konnte. Die Erschließung der europäischen Kulturwelt für das Verständnis Goethes, der Einfluß auf die Gestaltung der Kunstwerke der Romantiker — die Einwirkung auf die neuen christlich-religiösen Strömungen (Schleiermacher) und die Bereicherung des politischen Lebens waren die neuen Wege, die die Bewegung sich schuf, und die den jüdischen Frauen Kenntnisse und Verständnis für eine Außenwelt vermittelten, in der zu leben das Schicksal ihrer nächsten Zukunft war. Die Führerinnen gingen der jüdischen Frauenbewegung, die sie geschaffen hatten, verloren, ihre Leistungen wirkten sich aus in der Erschließung geistiger europäischer Kulturwerte, als deren positiver Wert die Erweiterung des Blickes für neue Lebensformen und die Fähigkeit zu unbegrenztem Verständnis für die neu sich entwickelnden Verhältnisse und ihre Forderungen zu bemerken ist. Das verfeinerte Vermögen des sich Einfühlens in die bisher fremden KulturkrMse ließ auf