Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 81 (sequence 19)
- Language
- German
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vielleicht auch das Genial-Persönliche; wie denn gerahe bei der „Habima" das Ethos des Theaters am stärksten «durchschlägt, sein Sichgebundenwissen, seine Werktreue. Denn diese freiwillige Unterordnung des Einzelnen (vom Menschen bis zum Ding) setzt sich bis in das Private, bis in den wirtschaftlichen Aufbau des Theaters fort. Keiner verdient hier mehr als der andere. Es gibt keine sanktionierte Prominenz. Keine starre Rangordnung lähmt die Kräfte, unter denen jede Konstellation möglich ist. Auch hierin ein wunderbares Beipiel für den Westen: Gemeinschaft von Menschen um einer Sache willen, Arbeitsgemeinschaft. Gleichfalls ein dem Aberglauben über den Juden ungelegenes Detail. Allerdings nicht in westeuropäischer Lust geworden, sondern in der Luft des neuen Ostens. Diese „Habima" — aber auch das jiddische Theater! — entbindet die ganze Musikalität des Juden, dem Beten, Lernen und Singen eines ist, eine magische Tätigkeit. Wenn ich sagte, daß die „Habima" zur kristallisch endgültigen Form in Ton und Bewegung und weg vom Persönlichen drängt, ergibt sich, daß die Gipfel dieser Schauspielkunst Tanz und Gesang werden. Jenen Dämonentanz, der Bettler und Krüppel um die Braut in Atlas vergißt niemand, der ihn gesehen hat; und niemand, der sie gehört hat. vergißt die Klage jener jüdischen Madonna, die im Stehen an der Mauer lehnend, wie eine Fieberkranke sich an ihr wälzte und aus einer unerschöpflichen Quelle des Leides um Jerusalem weinte und sang. . . . Und lassen Sie mich am Schlüsse unseres Weges an ein jüdisches Schöpfungsgebilde erinnern, daß zuletzt auch in den Kreis unserer Materie gehört; denn das neue Darstellungsmittel des Menschlichen: der Film hat viel von dem übernommen, was Sache des Theaters war —; ein Gebilde aus jüdischem Blut, das ins Internationale hinausgewachsen ist. Ich meine Chaplin. Dieser kleine merkwürdige Jude Chaplin oder vielmehr die Gestalt, die er aus sich gemacht hat, ist heut ein Weltbegriff und man darf beinahe das Wort sagen: ein Mythos. Man braucht seinen Namen nur zu nennen, 6