Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 80 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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— 80 — plakatiert, nicht ausgesagt, nicht Deklamation, sondern war das innere, natürliche, selbstverständliche Dasein dieser Menschen, naiv und volkhaft. Paradox, wenn man an den Westjuden, dem Anscheine nach der prägnante Fall des bindungslosen Menschen, denkt, stellt sich der Jude hier als der religiöse Mensch an sich, als der bis in die letzte Lebensäußerung hinein metaphysisch gebundene dar; wie ja volkhafte Religiosität, die zugleich nationale und gesellschaftliche Bindung ist, nirgends in Europa als noch im Juden des Ostens lebt. Man mag zum „Religiösen" stehen wie man will: hier war das von einer zentralen Idee durchwaltete Theater, das dem Europäer als Wunschbild der Vergangenheit vorschwebt, während sein eigenes Theater mit seiner individuellen, willkürlichen und zufälligen Problematik mehr zerstreut als sammelt und bindet. Man kann nicht in den Schoß der Mutter zurück und soll es auch nicht wollen. Eine neue zentrale, das Leben umfassende und gestaltende Idee dämmert heut erst tief am Horizont. Aber man muß das ergreifende Gesicht dieses Theaters im Sinn behalten, das allein in der Zeit steht als Verwirklichung dessen, was sich von Form zu Form immer wieder zu verwirklichen strebt. Ich sagte schon, dies Theater lehnt sich an die große russische Kunst an. Und wenn in Deutschland jüdischer Geist deutschen Gehalt hat formen helfen, so hat sich hier jüdische Erde an russischem Formgeist gestaltet. Das jiddische Theater knüpft an das naturalistische Theater Stanislawskys an, aber es überwächst dessen schöne bürgerliche Epik durch die Gewalt des Religiösen. Dabei ist es locker, voll und breit wie ihr Vorbild. Das Seelische bleibt dem Körper immanent wie einer Figur von Rembrandt. Die „Habima" drängt es in die Kontur, macht es abstrakt, ausdrücklich. Sie enthebt bewußt jeden Vorgang dem Augenblick, sie überläßt keine Handbereit Bühne dem Zufall. Die momentanen Impulse des Körpers und der Sprache werden in eine feste Linie der Bewegung und des Tones kristallisiert. Das Bequem - Persönliche wird ausgetilgt.