Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 77 (sequence 15)
- Language
- German
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77 — einer ganzen Generation den Begriff des vollendeten Menschen gegeben und in seinem „Nathan" einen höchsten deutschen Menschentraum vergegenwärtigt ... Es wäre billig, eine besondere Eignung des Juden für das Schauspielerische zu konstruieren. Macht man seine innere Losgebundenheit, seine Sensibilität, seine flackernde Vewegbarkeit geltend, so sind das Dinge, die auf jeden Schauspieler zutreffen. Aber freilich ist er als Schauspieler fähig, ohne weiteres, ohne jahrhundertelange Verwobenheit mit dem deutschen Kulturkreis plötzlich in ihn einzutreten. Denn den Schauspieler macht gerade aus, daß seine elementare leiblich-seelische Struktur über ihn entscheidet, und sie sich mit dem mannigfachsten Gehalt zu verschmelzen imstande ist. Freilich: den Juden, seit Generationen mit dem Hirn im Menschlichen zu Haus, durch die Wirklichkeit aber auf ein engstes Matz zurückgedrängt, mutz ihn nicht, wenn irgendeinen, der Spielraum des Theaters locken, in früher ungelebter Fülle und Farbe aufzuerstehen? Gibt es eine besondere Struktur des jüdischen Schauspielers? Auch hier ist Gefahr, einen Hauch, eine Nuance zu vergröbern. Die tiefe leidenschaftliche Inbrunst des Juden, die Quelle der religiösen Orgiastik des Ostjuden, ist auch die Quelle seiner schauspielerischen Entladungen und nicht ohne Nachspur in ihnen. Es gibt Schauspieler, die wie Schildkraut mit der ganzen dumpfen Urkraft des Ostjuden ins deutsche Theater einbrechen. Aber vielleicht wird man das schauspielerische Ingenium des Westjuden, durch viele Geschlechter hin Erbe uralter Zucht durch den Geist, in einer besonderen geistigen Hellsichtigkeit, einer vollendeten Wachheit, die soviel ist wie die vollendete Dumpfheit, einer Art universellen Bewußtseins des Unbewußten finden. Ich denke, um in der Anschauung zu bleiben, an eine Schauspielerin wie Elisabeth Bergner. Ich denke an einen Schauspieler wie FritzK o r t n e r. Was dort das Frauenhafte umgreift, umgreift bei ihm das Männliche. Aber die geistige Helle und Schärfe, das Merkmal dieses