Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 76 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 76 - um des Theaters, sondern um des Lebens willen zu sehn. Leben: es deckt sich diesmal nicht mit dem Politischen. Gemeint ist das Leben an sich, im vollsten, nacktesten Sinn, vor allem und hinter allem. Von Gnaden dieses Lebens hat dieser gegenwärtigeKritiker die Souveränität und das nachtwandlerisch gewisse Maß ja und nein zu sagen; von seinen Gnaden die Kraft, den Horizont zu lüften, wenn das Einzelne die Welt verdecken will, und an das Ganze, das immer da ist, zu erinnern; von seinen ' Gnaden den Witz, der das, was das Leben verfälscht, mit seinem entsetzlichen Stempel bedroht. Ich habe bisher von den beiden andern Großmächten des Theaters vom Dichter und vom/ Schauspieler geschwiegen, obgleich gerade der Jude als Schauspieler im populären Bewußtsein einen besonderen Raum einnimmt. Aber soviel jüdischer Einschlag auch hier, so ist die Tatsache, daß es sich um Juden handelt, für das Allgemeine nicht von so einschneidender Bedeutung. Es bleibt in den meisten Fällen individuelle Nuance. Ich sehe unter dm Dramatikern nur zwei, die wenigstens auch jüdisches Blut in sich haben und deren Werk zugleich repräsentativ für die Zeit und wieder ohne einen Tropfen jüdischen Blutes nicht zu denken ist. S t e r n h e i m undK a i s e r. Beide mit dem Schwerpunkt außerhalb des Lebens, das sie gestalten. Beide von der Bodenlosigkeit des bürgerlichen Daseins, seiner nicht mehr zuzudeckenden Anarchie irritiert. Beide die große Auflösung vorausfühlend. Beide mit dem ungeduldigen Blick des Neuangekommenen, der sich auch in Europa um Europa betrogen steht: beide Salz der euro- . päischen Erde. Aber halten wir uns im Theater selbst. Es bleibt vom Schauspieler zu sprechen. Seit den 50er, 80er Jahren des 19. Jahrhunderts sind Juden bedeutende und wichtige Schauspieler in Deutschland (von den ganz großen Figuren der Rachel, der Bernhardt in * Frankreich zu schweigen). Namen wie D e s s o i r, wie D a v i s o n stehen in der Geschichte der deutschen Schauspielkunst. Ein Schauspieler wie Sonnenthal hat