Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 75 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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75 - Welt, inmitten der zuckenden Kräfte, die sich zu drohenden Zentren binden; ihre oberste Instanz ist Wille, Begriff des Vorganges, Gesinnung. Schuf der souveräne Regisseur des Reinhardtischen Theaters die Bühne zum Werkzeug der Seelenphantasie, so schuf Jeßner ste zum Werkzeug möglicher Gestnnung. Dies ist der Punkt, wo er Epoche macht. Ich habe die Arbeit der drei Theatermänner: Bvahm, Reinhardt, Zehner schärfer skizziert, um zu zeigen, daß sie nicht etwa durch einen glücklichen Zufall oder bloße Betriebsamkeit an ihrer Stelle stehn, sondern durch Begreifen und Erfüllen dessen, was im jeweiligen Augenblick im Theater zu erfüllen war. Man mag von ihrer Leistung denken, wie man will, sie ist auf sachliche Art mit dem deutschen Theater verschmolzen. Hier im negativen Sinn von Verjudung zu sprechen, wäre absurd. Es gäbe das deutsche Theater, wie es nun einmal ist, nicht ohne sie. In der Geschichte sind immer die, die es machten, auch die, die es machen mußten. Und es hieße armselig von der Nation als Kraft denken, wenn man ihr zutraut, ste hätte diese Männer zum entscheidenden Wort kommen lassen, wenn sie in ihrer Tiefe, in ihrem wahren Instinkt andere gewollt hätte. Sie wollte keine andern. Ihrem Instinkt waren gerade diese die richtigen. Und das Theater, das wurde, ob es gut oder schlecht war und ist, muß jedenfalls als das Theater der Deutschen begriffen werden. Man rechne hinzu, was der Jude im Kritischen an der Sache der Theater mitgeschaffen hat. Ich sprach von Börne. Ich nenne nicht mit Namen die Geister aus jüdischem Blut, die seinen oder die treibenden, die aus ihrer Intuition der Welt heraus eine Atmosphäre, fruchtbarer Menschlichkeit um das Theater herum bereitet haben. Das kritische Werk dieser Menschen ist nicht ohne Judentum denkbar. Dennoch ist sein Merkmal, daß es den Deutschen zum Deutschen verführt. Und darüber hinaus zum Europäer. Die repräsentative Gestalt der modernen Kritik ist K e r r. Ueber die Zeiten weg kehrt in ihm die Börnesche Haltung wieder: das Theater nicht