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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1927-01-01 · 28 (1927) · p. 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
28 (1927)
Article
Über die Juden und das Theater
Date
1927-01-01
Page
74 (sequence 12)
Language
German
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- 74 — seine Geschichte erzählen will, ist wichtig durch diese for» mende Hand: Leopold Jeßner. Abermals ein jüdischer Mensch. Abermals jemand, der wach und mit dem entscheidenden Griff das dem Lebensmoment nach Notwendige tut. Der Krieg war. Und alles was in der großen tragischen Dichtung bis vor kurzem noch als schöner großartiger Schein quittiert werden konnte, stand plötzlich seinem innern Sinn nach im gründlich aufgewachten Bewußtsein scharf, bedrohlich, auf uns selbst deutend, wie in Eewitterlicht da. Das gute Gewissen, die vergangenen oder gegenwärtigen Lüfte zu kosten, war weg. Der Mensch und seine Tat war alles.- Und alles hatte Folge, alles hatte sich zu verantworten, alles war schuldig und hing in der unlösbaren Kette von Ursache und Wirkung. Man drängte ungeduldig zum nacktesten Ernst der Vorgänge. Man wollte dieKräfte am Werk und sich entladen sehen, die im Wort des Dichters stecken. Das war der innere, fruchtbare Zeitsinn dieses neuen, puritanisch strengen, unbequem geschärften Theaters, mit dem Jeßner durchschlug. Die in allen Sätzen blühende Lebensmanifestation des Reinhardtischen Theaters wich dem Versuch, die Bühne ganz und gar vom Sinn her, vom Geist her zu organisieren. Ein greifbares Symptom: der Raum. Er ist unter Jeßners Händen nicht mehr atmosphärische Umwelt, er ist Architektur gewordener Körper der Szene. Seine „Treppe", um von diesem populär gewordenen Requisit zu sprechen, ist * keine reale Treppe, sondern ein Behelf, auch das Oben und Unten des Raumes zum Ausdruck des Sinnes zu brauchen. Was sich bei Reinhardt mittelbar, immer im Medium des kreatürlichen Daseins sich zu geben beschied und mehr erraten ließ als aussprach, reckte sich jetzt zum geradesten, schneidendsten Ausdruck. Das Szenenwerk Reinhardts steht im letzten Friedensschein, Friedensanschein der bürgerlichen Welt, ihrer gerade noch zur Neutralität ausbalancierten Kräfte. Seine oberste Instanz ist: Seele, Erfühlen des Lebensmomentes, Phantasie. Das Szenenwerk Jeßner entsteht in mitten der einsetzenden Zertrümmerung der bürgerlichen

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