Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 73 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 73 - Schauspieler, er deckte seine Natur in seiner ganzen Exzentrizität, seinem ganzen Pendelausschwung, seiner ganzen Ausdrucksphantastik auf und stand im Nu inmitten einer Schaar von Schauspielern, deren jeder, und erst durch ihn, zu einer unvergeßlichen Farbigkeit gedieh. Er fing an mit dem Theater zu zaubern. Er gab ihm einen Begriff, den es sonst wahrscheinlich nur bei den Russen noch gab: den Begriff der Atmosvbäre. Er erlöste als erster die schlafenden Lüfte der Stücke, er tauchte die dramatische Struktur in eine Umwelt, in der die Voraussetzung alles Geschehens beschlossen lag, auch hier lebendiges Kind seines geschichtlichen Augenblicks. Er erklärte „Minna von Barnhelm" durch das Rokoko, den „Sommernachtstraum" durch den Wald, den „Kaufmann von Venedig" durch Venedig. Er dichtete als erster den Raum zum Ausdruck um und vollendete sich vielleicht am reinsten, wo auch vom Dichter aus Atmosphäre und Raum alles war, im Strindberg, wenn sich aus Mensch und Witterung ein grenzenloses Geschehen abspielte. Es ist Reinhardt, der eigentlich die neue Tatsache: Regisseur schuf. Brahm war vor allem Direktor, er gab die geistige Haltung seines Theaters ab, er sammelte um sich die Schauspieler, die seinem Gedanken dienen konnten, aber er verschwand hinter ihnen. Reinhardt aber spielt ein Stück, wie ein Schauspieler eine Rolle spielt. Er ist. in jedem Satz und in jeder Geste. Gr dichtet an ihm, wie der Schauspieler an seiner Rolle dichtet. Er gewinnt dem Szenischen eine Sprache ab,' die über den schauspielerischen Ausdruck hinausgeht, die in der Verbindung der gespielten Figuren untereinander und mit ihrer Umwelt schöpferisch wird und spricht. Er ist die höchste und die innerste produktive Instanz des Theaters. Die Souveränität des Regisseurs ist geschaffen. Die Bühne ist Werkzeug geworden, Gerät in einer Hand, die auf ihr spielt, was immer sie will und muß. Auf diese Hand kommt es an. Die neue Epoche des deutschen Theaters ist die des Regisseurs. Und die dritte wichtige Figur des gegenwärtigen Theaters, wenn man