Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 72 (sequence 10)
- Language
- German
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— 72 — aber sonst nur aus dem Halben, dem Geringen erraten werden mutz. Dies Theater hat mit seiner erlesenen, dicht vor dem Leben erzogenen Schauspielkunst gegen die leergewordene Theatralik der grotzen Gegenstände frondiert. Dies Theater des Juden Otto Brahm hat gegenüber dem wilhelminischen Deutschland, das im Räumlichen wie im Geistigen fein Matz verloren hatte, dem Deutschland der Monumentalität aus Gips gegenüber, das bessere Deutsche, das Enge, das Getreue, das Scharfsichtige, altmeisterlich Durch« und Durchgefühlte und Genaue gepflegt und behauptet. Der Hof hat es mit guten Gründen boykottiert. Gegenüber der Theatralik, mit der dieser Hof Deutschland heimsuchte, war der Ruhm des Brahms-Theaters, datz man über ihm das Theater vergaß, wirklich ein höchster Ruhm. — Es ist aber der Begriff: Leben nichts Eindeutiges und jede Epoche hat ihren und einen andern. Das tägliche Leben erschöpft nicht „das" Leben. Und das Theater ist geheiligter Spielraum für Spannungen, die über das Matz des täglich gelebten Daseins hinausgehen. Ich nenne den höchsten Namen: Shakespeare. In ihm war diese größere Welt kristallisiert, aber eine wirkliche, nicht eine theatralisch, epigonifch monumentalisierte. Diesen großen Inbegriff von Welt und jeden ihm wahrhaft verwandten galt es aus einer erstarrten, akademisch gewordenen, nicht mehr erlebbaren Form zu unmittelbarem Erlebnis zu machen. Hier setzte Rein- 'Hardt ein. Dieser von allen Fiebern, Energien, Träumen des grotzen Komödianten übervolle Mensch unternahm es. Shakespeare und alle große Dramatik aus der üppigen Fülle der eigenen Natur heraus noch einmal aufzuschmelzen und zur glühenden Sache der Gegenwart zu machen. Die Verbindlichkeit der Zeit gegenüber, wie Brahm sie hatte, war ihm fremd. Er war selbst die Zeit in ihrer ganzen anarchischen Fülle, er überließ sich ihr, Gegenwart durch sich selbst, wie er denn auch an keinen Dichter der Zeit gebunden war, sondern die Dichter aller Zeit zu seinen Dichtern machte. Er löste den Geist des Theaters selbst aus dem Behälter. Er entband den