Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 70 (sequence 8)
- Language
- German
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— 70 - aufhörlich vom Theater zum Leben kehrte, vom Leben aus das Theater sah, am Theater rüttelte, vom Theater etwas wollte — und einsah, warum es keines in Deutschland geben konnte. Hier spukt die typische Geistigkeit des Juden, sobald er Westeuropäer wird. Man kennt den großartigen Ausbruch Hölderlins gegen den Deutschen. Der Kern dieses maßlosen Liebeszornes ist die Anklage: der Deutsche vergrabe sich Hals über Kopf in sein „Fach", er vergesse den Menschen und die Ganzheit des Lebens. Der westeuropäische Jude, aus den Bindungen der eigenen Vergangenheit eben gelöst, von den herrschenden noch nicht erfaßt, hat eine innere Freizügigkeit, eine gesunde Respektlosigkeit, eine unbequeme Barbarei des Blickes, hat die radikale Kraft der Lebensvernunft in die Wagschale zu werfen und rennt aus dieser Lebensvernunft heraus gegen die erstarrten Scheidewände der Welt an. Börne macht nicht halt vor dem in sich selbst seligen ästhetischen Objekt; er sagt nicht ja zum Geformten, weil es Geformtes ist; er fragt, was es für das Leben bedeutet. Aus der brennenden Liebe zum Deutschen deutet Börne ihm sein Wesen. Gs kann um 1830 kein deutsches Drama, kein deutsches Theater geben, weil es den deutschen Menschen nicht gibt, aus dem es kommen kann. Börne war ein politischer Mensch. Es gibt Zeiten, wo das politische Denken das eigentlich vitale Denken ist; wo es zweiten Ranges wird, am „Unabänderlichen" zu leiden, da das Mögliche — Politik ist die Leidenschaft des Möglichen — nach Gestalt schreit. Börne kam nicht los von der Einsicht: der damalige Deutsche ist der undramatische Mensch an sich, weil er, politisch geduckt, unfrei nach allen Seiten, durchReflexion der Wirklichkeit entwischt, wo es diese Wirklichkeit umzugestalten, wo es zu handeln und zu sein gilt. Deutschland war ihm Hamlet. Er sah schlechtes Theater, aber er lächelte darüber, es war ihm unwichtig. Wichtig war ihm, was er darunter, dahinter sah: die Unkraft eines in allen Lebensinstinkten unsicher gewordenen, durch seinen eigenen Tiefsinn vergifteten Volkes, das es nicht