Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1927-01-01 · 28 (1927) · p. 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
28 (1927)
Article
Über die Juden und das Theater
Date
1927-01-01
Page
69 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3111067-3111122-3118457--7059-3118558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 69 — wenn es das Zeichen aller klassischen Theaterkultur ist, Latz der große Dichter zur lebendigen Bühne kommt, so kann man auch in der nächsten Folge nicht von einem wirklichen klastischen Theater der Deutschen reden. Die Bühne war ohne Dichter. Einen Augenblick schien es, als ob ihre offenbar grohen Kräfte sich mit dem Dichterischen zu einem großen Ausdruck des Zeitwillens verbinden sollten. Ich denke an den ersten Schiller. Goethe, Lenz. Aber gerade Schiller verlor zu bald seine Unmittelbarkeit und innere Einigkeit und wurde zwar theatralischer, aber vom Aesthetisch-Philosophischen her gegängelter Bildungsdichter kat’ exochen. Und der wirkliche Dramatiker der deutschen „klassischen" Epoche: Kleist, ist kaum zu seiner Zeit gespielt worden. Ich will mit allem dem sagen: die deutsche Theaterkultur zur Zeit seiner klassischen Dichtung ist ein zartes gebrechliches Gewächs, gegen das man viele Bedenken haben mutz, und das mit seinen ausländischen Geschwistern an gesunder Wurzelung nicht verglichen werden kann. Sie trägt das Zeichen aller deutschen Dinge: der Einzelne schafft ungehört; es fehlt an einem gemeinsamen geistigen Raum, weil die Weltstunde, als noch Gemeinsamkeit möglich war, versäumt und verschleudert worden ist. Das deutsche - Theater war der individuellen-willkürlichen Problematik des Einzelnen von Anfang an ausgeliefert. Diesen Charakter der deutschen Produktion als im deutschen Schicksal und Wesen begründet hat der zweite große Kritiker des deutschen Theaters, der hier von unserm Standpunkt aus zu nennen ist, hat der Jude Ludwig Börne begriffen. Wenn man durchblättert, mit was für elender Dramatik — wenige Ausnahmen ungerechnet — er es zu tun hat, wird er umso größer: weil er das Elend durchschaute als deutsches Elend überhaupt. Weil er-der kleinen Materie gegenüber die Größe des Standpunktes durchhielt. Hat Lessing dem heimischen Theater die deutsche Form erkämpfen wollen, so hat dieser deutsche Jude ihm den deutschen Gehalt zu Erkämpfen versucht. Sein Besonderes war, daß er nicht im Ästhetischen Messen, und Wägen versandete, sondern un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.