Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 68 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 68 — feiten und Fragwürdigkeiten, es ist gezeichnet mit aller Krankheit und aller Herrlichkeit dieses Volkes. Deutschland, von seinem Dreißigjährigen Krieg bis ins letzte Eingeweide durchwühlt, gab den Boden nicht her. auf dem Theater entstehen konnte, wie eines in England, in Frankreich, in Spanien entstand. Es gab weder ein breites Volk noch einen höchsten Hof. Es gab nicht zwei Provinzen, die sich auf ein gemeinsames Anschauen der Welt und der Menschen verstanden hätten, nachdem die Bindung durch die Kirche zerbrochen war. Als die Ee- Lurtsstunde für das deutsche Drama kam, als nämlich die dynastische Kultur abgewirtschaftet hatte und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Bürgertum - aufzukommen begann, war die Weltmentalität der Entstehung des lebendigen Dramas nicht entfernt so günstig, als sie zur Zeit des elisabethanischen, des französischen oder spanischen Theaters gewesen war, wo Erlebnis und . Reflexion gerade noch zu einer letzten vollen, innigen Einheit verwachsen waren. Das neuentstehende Bürgertum, mit dem wir es zu tun haben, steht unter dem neuen Begriff: Bildung. Man reflektiert über die Welt. Es ist charakteristisch, daß am Eingang dieses deutschen Theaters — Drama und Bühne sind hier eine unzertrennbare Einheit —, dieses Theaters, das nicht aus dem Drang der eigenen Spannungen von unten her, sondern aus dem Urteil über das Leben, aus der Bildung, von oben her wuchs, nicht eigentlich der große Dichter, eben jene uranfängliche Lebenseinheit von Sein und Sinn, sondern der große Kritiker steht, in dem Sein undSinn sich auseinanderscheiden:L e ssi n g. Dieser wunderbare Mann war mit einer seiner berühmtesten kritischen Arbeiten der geistige Helfer einer Schauspielertruppe, wie es deren in Deutschland mehrere und ausgezeichnete zu geben anfing. Hier erzog er aber nicht nur die Schauspieler, sondern wirkte einem deutschen Drama überhaupt vor, wie er selbst in zwei Stücken die ersten Möglichkeiten dazu aus der ganzen Weite und Schönheit seines Wesens heraus verwirklichte. Es blieben zwei geistreiche, bezaubernde Beispiele. Aber