Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111122-3118457--7055-3118554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 66 — dieses Gottes keine fiktiveWelt außer seiner dulden kann. Wie denn dieser Gott so sehr die alleinige Macht ist, daß der Mensch nur soweit da ist, als er ihm zugewendet steht, und es eine aus sich selbst existierende, profane, epische Figurenwelt, der indischen oder griechischen zu vergleichen, nicht gibt. Und schließlich: das Verhältnis von Schuld und Schicksal, das Urthema alles Dramas, ist im Judentum ein so eindeutiges, so rationales, daß der dramatischen Problematik keinerlei Raum zu bleiben scheint. Bis auf das Buch Hiob, wo sich dies Verhältnis allerdings auf eine düstere,ungeheuerlicheArtverwickelt. Und hier greift denn auch die absonderliche Situation zum Dialog: aber er bleibt Dialektik, er wird nicht Drama; es geht um die Entfaltung und Klärung des Sinnes, nicht um das selbständige Leben der Gestalten. — Wenn aber das Judentum aus seinem eigenen Schoß Theater nicht geschaffen hat, so hat es früh, vom Heimatboden gelöst, auf der ganzen Erde zu Gast, auch diese Form, die ihm die Umwelt vor Augen stellte, für seine Zwecke adaptiert. Ein Streiflicht: unter dem Eindruck des Euripides hat ein alexandrinischer Jude im 2. Jahrhundert vor Ehr. ein griechisches Drama „Exodos" geschrieben. Aber alle diese Dinge bleiben Kuriosität. Sie haben mit dem eigentlichen Volkstum nichts zu tun. Sie wurzeln in keinem tiefen Grunde und haben keine Folge. Nur einen Moment gab es im jüdischen Volksleben, wo in der Tat Luft der echten Komödie wehte. Das Purimfest. Dies Freiheitsfest, dies glückliche Aufatmen eines ganzen Volkes nach haarscharf vorübergegangener Gefahr ist im jüdischen Volk schon sehr früh zu einer Art bescheidenen Faschings geworden. Hat doch sogar das Gesetz, das die Verkleidung des einen Geschlechts in das andere verbietet, hier nachsichtig stillgeschwiegen; und die Maskerade, der Anbeginn alles Schauspiels, die Ausgelassenheit der Verwandlung und des Von-stch-weg ist, wahrscheinlich unter dem Eindruck des italienischen .Karnevals, in die Strenge und Schwermut des Juden- Gvens eingedrungen. Es ist kein Zufall, daß die erste