Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Über die Juden und das Theater
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111122-3118457--7054-3118553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 64 — den Halt liefern, dessen er unendlichem Angriff, auch dem Angriff des eigenen Gedankens gegenüber, bedarf. Er braucht als Zeugnis eine Wirklichkeit, die nicht wegzureden ist: da ist sie; findet euch mit ihr ab. Das europäische Theater, augenblicklich zweifellos in einer schweren Krise, aber noch vor kurzem der Stolz und die Bildungsstätte des Bürgertums, seine größte Entzückung, die eigentliche Stelle feiner öffentlichen Religiosität, die Tribüne seiner ernstesten Diskussion hat seine Wurzeln im griechischen Boden. Durch welchen llrsinn behauptet sich diese Form so zäh und lebendig in immer neuen Metamorphosen durch die Zeit hindurch? Durch den: daß hier der Mensch in leibhaftiger Gegenwärtigkeit sein Schicksal vor aller Augen erleidet; und daß der so angeschaute. Mensch dennoch nicht er selber, seine zufällige und private Person, sondern eine Erscheinung höherer Ordnung ist, durch das Wunder der Verwandlung zu einer schwerbeschreiblichen Wesenhaftigkeit ausgeglüht. Wo immer in der Welt Theater auftaucht, das ist sein Kern. Dies Theater scheint dem Juden ursprünglich fremd gewesen zu sein. Wesensfremder als irgendeinem anderen Kulturvolk. Man hat in gewissen biblischen Stücken Spuren dramatischer Kunst finden wollen. Im Hohenlied eine Art Hirtenspiel, im Buche Hiob einen tragischen Dialog. Es gibt aber gute Gründe genug, in diesen Dingen alles andere eher als Dramatik zu sehen. Man erinnert sich an das Mirjamlied, wo es heißt: „Und Mirjam die Profetin. Aarons Schwester, nahm eine Pauke in die Hand und alle Weiber folgten ihr hinaus zum Reigen und Mirjam sang ihnen vor"... Fast waltet hier etwas wie die Geburtsatmosphäre des Schauspiels, wenn der vom Augenblick erfüllte, über sich selbst hinausgerissene Einzelne die Stimme und die EebärdeÄller wird. Aber der Mensch,der hier tanztund singt, bedeutet nur sich selbst : der Wurzeltrieb des Theaters, die Verwandlung in das neue Geschöpf, das in einer zweiten Welt zuhause ist. fehlt auch hier. Warum? Vielleicht,weil die verzehrende aktive,politische Realität