Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 32 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 32 — Art von Polemik in der jüdischen Presse zu protestieren, gab dies die willkommene Veranlassung zu einer unübersehbaren Flut von beleidigenden Kundgebungen gegen Achad Haam. die Tag für Tag die Spalten eines hebräischen Tageblattes in Warschau füllten. Dies währte mehrere Monate und fand fein Ende nur durch einen Zufall. Im Mai 1903 ereignete stch in Kischinew ein schwerer Judenpogrom, dem mehr als 40 Juden zum Opfer fielen. Anläßlich dieses grauenhaften Ereignisses hielt man es überall für passender, mit den Kundgebungen gegen Achad Haam, die oft nicht nur gehässig, sondern auch überaus abgeschmackt waren, ein Ende zu machen. Achad Haam hat allerdings unter diesen Beschimpfungen sehr gelitten, ließ sich aber trotzdem nicht abhalten, noch im Herbst desselben Jahres, als das Ugandaprojekt auf dem 6.Kongreß nach schweren Kämpfen Annahme fand, auch diesem Projekt entgegenzutreten. Seit dem Jahre 1904 hat Achad Haam den Kampf gegen den politischen Zionismus nicht mehr mit der früheren Energie geführt, wenn er auch von seinen eigenen Anschauungen über die zu erstrebende Zukunft des jüdischen Volkes nicht um Haaresbreite abwich. Ueberhaupt trat seitdem allmählich eine Abnahme seiner literarischen Tätigkeit und auch seiner literarischen Kräfte ein. Die schwere Krankheit, die seine letzten Lebensjahre so unsäglich verdüstert hat, machte sich bei ihm schon damals fühlbar. Außer seinen Briefen an mich, die er noch bei Lebzeiten veröffentlicht hat, besitze ich noch viele andere, die zum größten Teil Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit atmen. Ich konnte mir diesen Zug in seinem Wesen nicht erklären. Gesehen habe ich ihn in den letztenJahren nur wenig und vorübergehend. Als ich von ilnn vor genau sieben Jahren Abschied nahm, — es sollte ein Abschied für immer sein —, sagte er mir tieftraurig: „Ich wünsche Ihnen kein höheres Alter, wenn es so unglücklich sein sollte wie das meinige". Wir gingen im Erunewald in der Nähe des Sanatoriums, in dem er, leider vergeblich, Heilung gesucht hatte. f