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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1927-01-01 · 28 (1927) · p. 28

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
28 (1927)
Article
Achad Haam
Date
1927-01-01
Page
28 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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- 28 - £ mäßig günstiger gestellten Teiles des jüdischen Volkes war ihm fremd. Er hat auch die Fragestellung in dem genannten Aufsatz durchaus mißverstanden. Kein gebildeter Jude, am allerwenigsten in Frankreich, wird die Abgeschmacktheit besitzen, sich vor der nichtjüdischen Oeffentlichkeit wegen seiner Zugehörigkeit >zum Judentum entschuldigen zu wollen. Aber er wird sich öfter für sich selbst die Frage vorlegen: womit und warum bin ich Jude? Der westeuropäische Jude kann sich unmöglich gegen die ihn umgebende Kultur abschließen, selbst wenn er es wollte. Aber er will es auch garnicht. Das jüdische Zeremonialgesetz wird nur von einer kleinen Minderheit beachtet und festgehalten, lieber diese Tatsache urteile ich nicht, aber ich stelle sie fest. Der weitaus größere Teil der westeuropäischen Judenheit mit der ihn umgebenden nichtjüdischen, oder richtiger gesagt: allgemein menschlichen Kultur aufs innigste verwachsen und dem jüdischen Zeremonialgesetz bis auf wenige Reste entfremdet, fragt sich oft und muß sich fragen: womit und warum bin ich noch Jude? Die Antwort, daß das Judentum geschichtlich noch eine hohe Mission zu erfüllen habe, ist in diesem Falle nicht nur begreiflich, sondern auch berechtigt. Sie mag bei manchen eine Selbsttäuschung sein. Aber auch dann dürfen wir weder die Frage noch die Antwort verspotten. Jeder sittliche Mensch sucht für sein Dasein eine Begründung, d. h. einen Lebenszweck, der außerhalb feiner materiellen Existenz liegt. Und ein altes Kulturvolk, das in der Geschichte von unauslöschlicher Bedeutung ist, soll sich nicht fragen dürfen, ob seine Lebensfähigkeit und seine Daseinsberechtigung noch fortbestehen? Achad Haam hat in diesem Aufsatz die Anschauung von der Mission des jüdischen Volkes und des Judentums heftig bekämpft und damit Schule gemacht. Er hatte Recht, wenn mit dieser Mission eine Art „Entschuldigung" für den Fortbestand des jüdischen Volkes gefunden werden soll. Aber er hat durchaus nicht Reiht, wenn die geschichtliche Mission Israels als Volksgemeinschaft und als Schöpfer des Judentums, im weiteren Sinne verstanden, geleug-

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