Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 27 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 27 — Ä entrückt. Er forderte daher die Rückkehr zur Einfachheit und Natürlichkeit, eine Üeberwindung der übergeistigen Erziehung, der der weitaus größte Teil des jüdischen Volkes feit Jahrhunderten ausgesetzt war. Andererseits sah er in der viel günstigeren Lage der westeuropäischen Juden das Erblassen jeder nationalen Würde, das Aufgeben jeder moralischen Selbständigkeit. Dieser nivellisterenden Assimilationsstreberei trat er mit dem nationalen Gedanken entgegen. Einer seiner bekanntesten Aufsätze,die seine Popularität bei der osteuropäischen jüdischen Jugend begründet hat, ist der im ersten Band seiner gesammelten Schriften abgedruckte Aufsatz: „Knechtschaft in der Freiheit", oder, wie er in der deutschen Uebersetzung überschrieben ist: „Aeußere Freiheit und innere Knechtschaft" (zuerst erschienen im „Hameliz", Jahrgang 1891). Die äußere Veranlassung zu diesem Aufsatz gab eine Polemik, die ein russisch-jüdisches Blatt gegen die Bestrebungen der „Chowawe Zion" erscheinen ließ. Innerlich aber war Achad Haam dabei stark von Ausführungen beeinflußt, die in einer Jubiläumsschrift der „Archives israelites“ erschienen waren. In einem Aufsatz dieser Jubelschrift wurde die Frage gestellt: warum bin ich Jude, und die Antwort in der hohen Mission gefunden, die das Judentum noch zu erfüllen habe. Ächad Haam verstand die Frage so, als ob ein französischer Jude nach a u ß e n h i n für sein Verharren im Judentum einer Rechtfertigung bedürfe oder zu bedürfen glaube. Darin erblickte er die innere Knechtschaft bei aller äußeren Freiheit, deren sich die Juden in Frankreich erfreuen. Er meinte, daß ihm schon die politische Rechtlosigkeit der Juden lieber sei, da sie wenigstens keine Rechtfertigung für ihr Verbleiben im Judentum brauchen und ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk mit aller Deutlichkeit bekennen dürfen. Als Achad Haam diese Ausführungen im „Hameliz" veröffentlichte, kannte er die politiche Lage der westeuropäischen Juden und ihre gesellschaftliche Stellung recht wenig. Das ganze Seelenleben dieses Verhältnis-