Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 — räume zwischen einem Brief und dem andern immer größer wurden. Diese Tatsache, die wir beide nicht verschuldet haben, hat er stets tief bedauert und als trübe Begleiterscheinung des bei uns beiden eingetretenen Alters bezeichnet. Ich glaube, daß ich den letzten Brief habe, den er kurz vor seinem Tode wenigstens zum Teil selbst geschrieben hat. Der Orden „Der Mosejünger" war entsprechend der hohen Verehrung, die er dem biblischen Mose zolle, darauf gerichtet, die sittliche Hebung des jüdischen Volkes herberzuführen. Uns kommt jetzt alles so weltfremd und fast phantastisch vor. Aber es war dies das Bestreben eines Mannes, der im Judentum eine hohe sittliche Kraft sah und es in feinem ganzen Umfang volkserzieherisch verwirklichen wollte. Ueberraschend war es mir, als uns Simon Dubnow anläßlich der in Berlin veranstalteten Trauerfeier für Achad Haam berichtete, der Heimgeganene habe im Frühjahr 1908 bei seiner Uebersiedlung von Odessa nach London geäußert, er gedenke in London, wenn er zur Ruhe gelange, ein umfassendes Werk über die Ethik des Judentums zu schreiben. Es ist sehr zu bedauern, daß er bald von einem schweren Leiden heimgesucht wurde und in London nur noch einige Aufsätze schrieb, um nach wenigen Jahren die literarische Tätigkeit überhaupt aufgeben zu müssen. Volkserziehung und nationale Volkserziehung waren das Ziel, das sich Achad Haam beim Beginn seiner literarischen Tätigkeit gestellt hatte. Ich gebrauche sehr ungern das Wort national, weil in unseren Tagen der politischen Leidenschaft daran häufig der Begriff von Rassendünkel und nationaler Ueberhebung geknüpft wird. Von dieser Art Rationalismus war Achad Haam gewiß frei. Man lese seine gesammelten Aufsätze mit der größten Aufmerksamkeit durch, und man wird an keiner Stelle auch nur andeutungsweise irgendwelche nationale Ruhmsucht finden. Aber Achad Haam sah einerseits die Juden im Osten durch ihre traurige politische und wirtschaftliche Lage völlig entmutigt und, was noch viel schlimmer ist, dem wirklichen und natürlichen Leben stark