Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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— 20 — gesprochen. Ich habe ihn auch tief leidend gesehen, Ä. h. wenn seine Selbstbeherrschung etwas gelockert war. Aber auch in diesem Zustande hielt er viel an sich. Und wenn er mir brieflich über Not und Demütigungen, die ihm gerade im Jahre 1902 in reichlichem Matze zuteil wurden, klagte und klagen mutzte, so kann man sich schon eine Vorstellung von dem machen, was er damals litt. Achad Haam legte Ende 1902 die Redaktion der Monatsschrift „Haschiloach" nieder und nahm den kaufmännischen Beruf wieder auf. In dem hier erwähnten Brief verabschiedete er sich von mir als Redakteur der Zeitschrift und rechtfertigte sich gleichzeitig, daß er der Literatur den Rücken kehren mutzte. Er hat aber darunter sein Leben lang gelitten, und in einem seiner letzten Briefe an mich, die er noch bei Lebzeiten veröffentlicht hat, klagt er darüber, daß er das Schreiben beinahe schon ganz verlernt hätte. Achad Haam war zu feinfühlig, um sich in der literarischen Welt behaupten zu können, oder wie ich mich in dem bereits erwähnten Festartikel ausdrückte, er konnte es nicht ertragen, daß im Kampf Staub und Schmutz aufgewirbelt werden, wovon auch sein sauberes Kleid betroffen werden könnte. Aus diesem Gefühl heraus gab er seine literarische Berufstätigkeit auf, um später schwer darunter zu leiden. Sein Eintritt in die hebräische Literatur als Publizist geschah im Frühjahr 1889. Sein erster Aufsatz, den er im hebräischen Tageblatt „Hameliz" veröffentlicht hat. trug die Ueberschrift: „Das ist nicht der Weg". Dieser erste Aufsatz ist oft als ein Programm für die nationale Arbeit im jüdischen Volk und den Aufbau Palästinas angeführt worden. Zu dessen Verständnis muß man aber wissen, was damals vornehmlich in der osteuropäischen Iudenheit vor sich gegangen war. Im Frühjahr 1881 fanden in einer Reihe von südrussischen Städten schwere Judenverfolgungen statt, die allerdings nicht foviele Opfer an Menschenleben gefordert hatten, wie die späteren Pogrome. Man wurde aber in Rußland und in der ganzen Iudenheit von diesen Vorgängen aufgeschreckt, weil man damals derartiges selbst in Ruß-