Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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21 — land nicht für möglich gehalten hatte. Dazu kam noch der Umstand, daß man überall die Hand der russischen Polizeiorgane spürte. Es war klar, daß die Judenverfolgungen behördlich angestiftet und durchgeführt worden waren. Man befürchtete mit Recht, daß diese Ereignisse die Einleitung zu einer systematisch betriebenen Judenhetze bildeten. Viele Juden verließen die russische Heimat. Die Frage: wohin? beschäftigte die Gemüter. Bereits wenige Wochen nach dem Pogrom in der südrussischen Stadt Jelisawetgrad, der das Signal zu ähnlichen Schreckenstaten in vielen russischen Städten gegeben hat, tauchte in der hebräischen Wochenschrift „Hamaggid" der Vorschlag auf, die Flüchtlinge oder wenigstens einen erheblichen Teil von ihnen, nach Palästina zu dirigieren und sie dort als Landwirte anzustedeln. Dieser Plan, Palästina durch Juden zu besiedeln, war schon einige Jahrzehnte zuvor in derselben Wochenschrift propagiert worden. Seine Verwirklichung konnte er aber damals nicht finden, weil die politische und wirtschaftliche Lage der jüdischen Masse überall, selbst in Rußland, eine sichtbare Besserung erfahren hatte. Die geistigen Führer der russischen Judenheit, die Vertreter der „Haskala", erblickten in der Wiederansiedlung der Juden in Palästina eine Gefahr für ihre kulturellen Bestrebungen. Alles erschien ihnen als eine Art religiöser Reaktion, die sie mit aller Energie bekämpfen zu müssen glaubten. Es ist bezeichnend, daß alle auch später, nach den stattgehabten Judenverfolgungen, und selbst als die russische Regierung anstatt den Judenhetzen entgegenzutreten, diese mit harten Erlässen gegen die Juden beantwortete, ihrem „Haskala"-Programm treu blieben. Einige rieten zum Ausharren: die Judenhetze sei eine vorübergehende Erscheinung und werde sich bald austoben. Andere billigten wohl die Masienemigration, wiesen aber auf Amerika als das erwünschte Ziel hin. Im Lande der Freiheit werden sich auch die Juden politisch und religiös frei entwickeln. Trotzdem ging durch die russische Judenheit eine starke Bewegung für die Emigration nach Palästina und