Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 19 — von der er getragen war. Alles war bei ihm erlebt und in alle leine Aufsätze hat er ein Stück seiner Persönlichkeit niedergelegt. Bei Lebzeiten haben ihn manche einen Propheten genannt. Bei aller Anerkennung, die ich Achad Haam zolle, habe ich diese Bezeichnung auf ihn niemals angewandt, und in einem Festartikel, den ich im Frühjahr 1914, anläßlich seines fünfundzwanzigjährigen Schriftstellerjubiläums veröffentlichte, habe ich mich ausdrücklich dagegen ausgesprochen. Aber eins kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß aus allen Aufsätzen Achad Haams zu uns jene Wahrhaftigkeit spricht, die uns das prophetische Schrifttum so verehrungswürdig macht. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob wir ihm auf allen seinen Gedankengängen folgen, ob wir seine Ausführungen immer für richtig halten. Wir sind überzeugt, daß Achad Haam uns das gibt, was er für Wahrheit gehalten hat, was seine innerste Ueberzeugung war und wofür er immer mit seiner ganzen Persönlichkeit eintrat. Dadurch wirkte er, der im Grunde seines Wesens durchaus Rationalist war und dessen Darlegungen immer streng logisch, bis zu einem gewissen Grad sogar kalt waren, auf die Leser begeisternd und hinreißend. Für westeuropäische Leser mag noch erwähnt werden, daß Achad Haam von Beruf nicht Schriftsteller, sondern Kaufmann war. Nur in den Jahren 1896 bis 1902 mutzte er seine literarische Tätigkeit beruflich ausüben, w a s e r s e h r s ch w e r e m p f a n d. Ich besitze von ihm einen Brief, den er mir gegen Ende des Jahres 1902 schrieb und in dem er sich über die Bitternisse, die einem hebräischen Schriftsteller beschieden sind, beklagt. Ich habe Achad Haam in verschiedenen Lagen seines Lebens gesehen und gesprochen; ich kannte seine Zurückhaltung in Dingen, die ihn persönlich betrafen. Im Gegensatz zu den meisten zeitgenössischen Schriftstellern hat er niemals über den Undank des Publikums gesprochen, und noch weniger über materielle Nvt, die ihm ebenfalls nicht erspart geblieben ist. Nach seinem Tode hat man vieles über ihn gesagt und geschrieben: aber niemand hat von dem leidenden Achad Haam 2*