Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Also - ein Jubiläum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111120-3118246--6961-3118447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 voll Birnen, Pflaumen und Weinbeeren, Kalbskeule und Kompott und Gurkensalat. Und ich würde heute Nacht verhungern. Elend zugrunde gehen. Eingesperrt sein. Morgen früh, wenn es zu spät wäre, würde stch meine ganze Familie über meine armselige, langsam erkaltende Leiche werfen und weinen. Und das wäre ihre gerechte Strafe für die Grausamkeit ihrer harten Herzen, mich dem Hungertod auszufetzen. Doch bis so fünf Kinder angezogen sind, dauert es eine Weile. Da ist z. V. die eine Mütze nicht zu finden. „Und meinst Du etwa, daß Du mit solchen Händen Weggehen kannst? Du hast wohl Kohlen geschippt? Also marsch, schnell noch mal waschen, wir warten". Ich aber stand da mit meinem neuen Mäntelchen, schön und sauber wie Adonis (die Hände hatte ich jedenfalls zur Vorsicht in die Tasche gesteckt), und als die allgemeine Verwirrung ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, ging ich ruhig wieder in das Berliner Zimmer zurück — die Tafel lag weit und verwüstet — und steckte mir zwei Knüppel und einen Salzkuchen, genannt Schusterjunge, in die eine Manteltasche, und drei Hände voll Pflaumen in die andere. Wenn sie meinten, daß i ch s o leicht und kampflos mein Leben hergäbe, irrten sie sich. Und ehe noch die Schottenmütze meiner Schwester Rose gefunden war (im Schirmständer), da war ich längst wieder zurück. Der Weg war weit, sehr weit, aber schön. Von der Bendlerstraße bis zur Spandauer Straße. Geradeüber vom Rathaus war die Schul. Heute steht da längst ein Warenhaus. Und so hat stch an jener Stelle das ora und labora bewahrheitet. Es ist dort viel gebetet und dann viel gearbeitet worden. Man denke, man mußte ja erst vorn am Tiergarten entlang, unter dem Grün hin, während es hinten im Dickicht schon unheimlich verdämmerte, und man konnte sogar noch— wenn man dann auch immer wieder hinterherlaufen mußte, dabei Eicheln sammeln. Eicheln konnte man ja auch essen in der Rot. Stand nicht im Märchen, daß sie sich von Beeren und bitteren Eicheln nährten. Dann aber ging