Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Also - ein Jubiläum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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166 „Ach Gott, es wird ja nicht ganz so schlimm werden," sagte die Mutter einlenkend mit einem Seitenblick. ,.Za, ja," sagte das Fräulein Seifert, „bei uns war das nie anders." Dieses schien mir zwar nicht glaubhaft, denn Fräuein Seifert trug eine Elfenbeinbrosche in Form eines Kreuzes und unterschied sich dadurch von uns anderen in nennenswerter Weife. Immerhin, das sah ich zur Genüge, die Lage der Dinge war sehr ernst. Und man konnte nie wissen, was ste da, sie alle, der Mann mit dem Backenbart an der Spitze, gegen mich eigentlich vorhatten. „Es ist vorgekommen," sagte der Vater bieder, „dass da Kinder verhungert sind. Natürlich, wenn man die ganze Nacht über nichts itzt." „Nun latz doch den Jungen schon," warf die Mutter ein. „Jedenfalls," begann der Vater von neuem, „nimm nur jetzt ordentlich, mein Söhnchen. Denn, denke mal» bis morgen Abend und die ganze lange Nacht über." Ich erkannte, daß die Sache für mich recht verzweifelt stand und bat nochmal um Kalbsbraten und Kartoffeln. Die Mutter protestierte: am Abend äße man nicht so viel, und vor allem kein Fleisch. Aber der Vater sagte: „Der Junge hat ganz recht» er mutz vorlegen". Und dann sah er nach der Uhr. „Dalli, dalli, wir brauchen mindestens dreiviertel Stunden." Und damit schob er den Stuhl zurück, knüllte die Serviette zusammen und stand auf, und die anderen taten es gleichfalls. Jeder aber steckte dabei noch schnell den letzten Bissen vom Teller in den Mund, ehe man im abendlichen Halblicht mit flackernden Kerzen die ziemlich verwüstete Tafel zurücklietz, um in den Korridor hinauszustürmen und sich anzuziehen. Ich aber warf einen schmerzlichen Blick auf sie zurück. Hier war noch alles die Hülle und Fülle: Brötchen, Knüppel, Semmel, Salzkuchen, silberne Obstschalen