Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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143 der studierenden Jugend hat es nicht gefehlt, allein all diesen Vorkommnissen ist keine allzu große Bedeutung beizumessen. Die weitaus größte Zahl der Gebildeten und Anständigen unter den Deutschen wandte sich mit innerem Widerwillen von diesem Treiben ab. Allein es bereitete sich im Stillen etwas ganz anderes vor. Aus der Stoeckerschen, mit großem Lärmen zutage getretenen Judenhetze entwickelte sich langsam, still und mit der weltbekannten methodischen Gründlichkeit der deutsche Antisemitismus. Mit der Stoeckerschen Hetzerei konnte und wollte der anständige und gebildete Deutsche nichts gemein haben; ganz anders jedoch gestaltete sich sein inneres Verhältnis zu der Erscheinungsform im öffentlichen deutschen Leben die unter dem Namen Antisemitismus so etwas wie eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hat. Dieser Antisemitismus bediente sich ganz andersartiger Waffen, um die deutsche Judenheit, ohne allzugroßes äußeres Aufsehen zu erregen, aber desto sicherer, aus der deutschen Volksgemeinschaft auszuschließen. Diesem gefährlichen Gegner war mit plumpen Mitteln nicht beizukommen. Der gesellschaftliche Verkehr zwischen Juden und Christen hatte ganz aufgehört. Auch die gemeinsame Vereinstätigkeit auf rein menschlichem Wohltätigkeitsgebiet ließ in bedenklichem Grade nach; die Schuljugend in den mittleren und höheren Unterrichtsanstalten sonderte sich nach konfessionellen Gesichtspunkten; auf den Universitäten und technischen Hochschulen duldeten die bestehenden Verbindungen keine jüdischen Kommilitonen. Was blieb also der deutschen Judenheit anderes übrig, als sich auf sich selbst zu stellen, sich auf ihr eigenes Wesen zu besinnen, die brachgelegten oder brachliegenden sittlichen und materiellen Kräfte zusammenzufassen und zu neuem Leben zu erwecken? Das während des Jahrzehnts der liberalen deutschen Hochflut fast gänzlich verschüttet gewesene jüdische Vereinswesen blühte unerwartet machtvoll auf. Zunächst auf dem Gebiet der reinen Wohltätigkeit, Sodann folgten Abwehrvereinigungen rein politischer Art. Der Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens trat ins Leben. Die Zeitschrift „Im Deutschen Reich" wurde