Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 31)
- Language
- German
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142 zogen und so mittelbar dazu beitrugen, ein starkes Selbst» bewußtsein unter der deutschen Judenheit zu erzeugen. Die Vertrauensseligkeit in die Dauer dieses beglückenden Zustandes war unerschütterlich. Wenn von orthodoxer Seite schon damals hie und da Warnrufe laut wurden, so wurden sie von ihren Gegnern achselzuckend belächelt. Während der sogenannten Gründerzeit machten sich jedoch bereits deutlichere Anzeichen in der Qeffentlichkeit bemerkbar, die auf eine Stimmungsveränderung im deutschen Volk hinwiesen. Als dann auch die Verbindung zwischen dem eisernen Kanzler und den liberalen Mehrheiten im preußischen Landtage sowie im Reichstage sich mehr und mehr lockerte, um sich endlich 1878 in gewaltigen Erschütterungen gänzlich aufzulösen, da brach auch die seit uralten Zeiten sich forterbende Judenfeindschaft der Deutschen in einer Stärke durch, wie man sie kaum für möglich gehalten hätte. Bismarck war weit davon entfernt, das demagogische Treiben des Hofpredigers Stoecker gutzuheißen oder gar zu unterstützen. „Politisierende Pfaffen" sind ihm Zeit seines Lebens ebenso zuwider gewesen wie „politisierende Generale." Er hat die berüchtigte Judenpetition nicht angenommen; Stoecker hat niemals die Schwelle des Reichskanzlerpalais betreten dürfen. Allein Bismarck ließ in diesem Betracht den Dingen ihren freien Lauf, weil er als ein untrüglicher Kenner der deutschen Volksseele, auch in dieser allgemeinen Judenhetze ein geeignetes Mittel zur Sprengung der liberalen Partei in den Parlamenten erblicken durfte. Der Traum der liberalen deutschen Judenheit war verflogen und hatte einer grauenerregenden Wirklichkeit Platz gemacht. Völlig unvorbereitet hatte der hereingebrochene Sturm die deutsche Judenheit betroffen. Sie stand vorerst gänzlich waffenlos ihm gegenüber. Die grobgreifbaren Nachwirkungen der Stoecker'schen Judenhetzreden waren von keiner langen Dauer. Es gab wohl unliebsame Zwischenfälle auf öffentlichen Straßen und Plätzen, in den Bier- und Weinstuben, unter den Reisenden der verschiedenen Eisenbahnklaffen, es kam hie und da zu blutigen Exessen, auch an Zweikämpfen unter